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Hermann Mensing

Die Prinzessin

Autor, Sprecher, Produzent: Hermann Mensing
Musik: Marc Brenken, (Piano), Sven Otte (Kontrabass) und Bernd Gremm (Schlagzeug)


Einmal fragte die Prinzessin, ob wir an ihrem Bett säßen oder stünden?
Wir stehen, sagte ich.
Da könnt ihr mal sehn, wohin ich gekommen bin, antwortete sie.
Nicht einmal Stühle für Gäste gibt es hier. -
Doch, gibt es schon, sagte ich, aber die sind teurer. Was glaubst du, was es kostet, eine alte Damen wie dich zu besichtigen. Stehplätze konnten wir uns gerade noch leisten.

Darauf verzieht sich ihr zahnloser Mund und sie lacht laut und lang.


Man riecht Urin und Stuhl, wenn man das Gebäude betritt.
Man geht in den ersten Stock und der Geruch verstärkt sich.
Man atmet durch, dann hat man sich daran gewöhnt.

Ihr Zimmer.

Eine alte Frau mit geöffneten, seit einem Jahrzehnt an grauem Star erkrankten Augen, reglos.

Ich erschrecke.

Strom rast durch meinen Körper.
Er erreicht die Haarspitzen.
Meine Gedanken verstummen.

Aber die Frau ist nicht tot, sie bewegt sich.
Sie liegt so seit Jahren und klagt nie.

Jeden Mittwoch besuche ich sie.

Ich stehe auf, ich trinke Kaffee, ich verlasse die Wohnung und fahre über Landstraßen in meine alte Stadt.

Wie sie da liegt und liegt und nichts preis gibt.
Und ich, der Matjes mitbringt und Erdbeeren.
Ich füttere sie, ich sage, dass ich vorgestern die Reise bezahlt habe und mich freue.
"Wo sind denn die Hebriden?" fragt sie und ich erkläre es ihr.
"Ach", sagt sie, "wo du auch immer hinfährst."

Den Matjes isst sie zuerst.
"Jetzt bin ich aber satt", sagt sie nach ein paar Happen, "ist noch viel da?"
"Ja", sage ich, "das ist nämlich gar kein Matjes, ich habe dir einen Wal mitgebracht."

Sie lacht.
Ihr Gesicht leuchtet auf.


Ich stelle mir vor, ich würde ein Kissen auf ihr Gesicht legen, wie sie das früher getan haben, wenn keine Aussicht mehr war, zwei, drei Minuten würde das dauern, wenn ich es gut machte, ein Aufbäumen würde da sein, dann würde ich gehen. Würde das Tablett zurück in den Essenswagen stellen, ein paar Sätze mit der freundlichen Pflegerin aus Kasachstan wechseln, ich würde das Altenheim verlassen und über die gleichen Wege zurück fahren. In der Meteler Heide würde ich anhalten, aussteigen, in den Graben pinkeln, zu Hause würde ich mich aufs Bett legen und schlummern.

Und dann würden sie anrufen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass sie je zärtlich war.
Die Bismarckstraße und jede mit ihr aufsteigende Geschichte könnte eine Erfindung sein.
Ein Traum, den man träumt und als sein Leben ausgibt.

Nur wenn ich sie so liegen sehe in ihrem Totenschiff, wenn ich sie sehe, wie ich sie letzte Woche sah, als ich in ihr Zimmer kam und sie eines dieser Lieder sang, die sie in ihre Gegenwart hinüber gerettet hat, dann kann ich nicht umhin, sie zu lieben.

"Das machen nur die Beine von Dolores, dass die Senores ...."
singt/spricht sie und ahnt nicht, dass ich in der Ecke des Zimmers sitze und zuhöre.
Sie sieht und hört ja kaum, sie ist ganz allein mit sich in ihrer Welt, und ich weiß nicht, wie ich ihr begegnen soll.

Einmal mit den Fingern geschnippt, schon könnte sie für immer fort sein, ich würde zurück bleiben und nie erfahren, was zwischen uns war, zwischen ihr und mir und warum sie nie zärtlich war und ich nie mit ihr sprach.

Ja. -

So eine Mutter ist das und so ein Sohn bin und mein Vater, der warm war, ist schon lange tot.

Ob es noch einen Sommer gibt?
Sie weiß es nicht.
Oft weiß sie nicht einmal, ob es gleich Essen gibt oder schon Essen gegeben hat.

Über den Tod will sie nicht sprechen.
Dabei dauert die Nacht, die sie umgibt, vierundzwanzig Stunden und mehr.
Wahrscheinlich sitzt er an ihrem Bett, und sie machen sich über mich lustig.

Sie sagt:
Bei Laurenz, die Frauen beim Tanzen, die drücken sich gegen die Männer. Die Männer haben das gerne. Ich mag da gar nicht hinsehen.

Sie sagt:
Ich sage Morgen. Ich sage Abend. Er geht mit ihr zur Kirche. Arm in Arm kommen sie wieder raus. Sie trinken eine Flasche Wein. Sie liegen nebeneinander im Bett.

Sie sagt:
Else kocht Schokoladenpudding. Ich stricke drei Söckchen für die Kinder. Ich stricke ja gern.

Sie sagt:
Ihr Mann ist ja tot. Herzschlag. Sie wohnt jetzt in einem Altenheim in Glanerbrücke.

Sie sagt:
Ich kann das Kleine ja großziehen. Ich habe ja Zeit.

Sie sagt:
Alles schreibt er ihr vor.
So ein Mann wäre nichts für mich.
Er holt sie sogar ab, obwohl sie doch nur auf der anderen Straßenseite war. -

Ich melde mich.
Guten Tag Mutti, sage ich und verschweige, dass ich die ganze Zeit zugehört habe.

Ich frage mich, ob ihre kreisenden Erinnerungen den Tatsachen entsprechen, sich den Tatsachen annähern, oder freie Erfindungen sind, die sie aus den verschiedenen Quellen ihres langen Lebens speist.

Es wäre doch möglich, dass das Leben eine Erfindung ist.

Ihr Bett ist hydraulisch.
Neben ihrem Bett ein Nachttisch. Darauf eine sprechende Uhr, zwei Flaschen Pfirsichsaft, Vitaminbonbons, Creme. Auf der Fensterbank ein Radio und ein Telefon. An der Wand hinterm Kopfende des Bettes Fotos vom Vater, von der Mutter, von den Schwiegereltern, den Kindern, von ihrem Mann und den Enkeln.

Die Wände sind weiß.

Obwohl ich das Zimmer einmal pro Woche betrete, weiß ich nicht, wie der Fußboden aussieht.

Aus diesem Zimmer gibt es kein Entkommen.

Die Stationsschwester sagt, wir Kinder müssten eine amtsrichterliche Bestellungsurkunde erwirken, um gegebenenfalls Entscheidungen treffen zu können. - Entscheidungen? - Ja. Wir hätten ja selbst gesehen, dass die Patientin Speisen verweigere, sie habe kein Körpergefühl mehr und lebe in ihrer eigenen Welt.

Wir sagen nicht, dass wir ihr das Recht gönnen, nicht mehr zu essen.
Wir sagen auch nicht, dass wir ihr das Recht gönnen, nicht mehr zu trinken.
Aber wir werden verhindern, dass eine Magensonde gelegt wird.


wie sie schläft /
wie du hoffst / und dir wünscht /
euthanasie wäre kein furchtbares wort /
sondern barmherzigkeit unter tieren /
wie die scham schleimspuren auf dir zieht /
so liegt man / wenn man ein leben gelebt hat ???/
ohne hoffnung auf antwort /
wenn der körper austrocknet und das hirn wahnbilder zeichnet??? /


In ihr herrscht ein Durcheinander aller Zeitebenden.
Meine Gegenwart steht gleichberechtigt neben Geschichten, die sowohl wahr als auch unwahr sein können, aber deren innere Logik ist nicht verwirrt.

Unter ihrem Bett steht ein paar Schuhe.
Vor Wochen hatte sie gesagt, sie brauche Schuhe, ich müsse ihr Geld holen.
Ich hatte mich rausgeredet.

Aber offenbar hat das Personal der Station dieses Spiel mitgespielt.

Sie sagt, die Schuhe passen hervorragend.
Obwohl sie sie ja eigentlich nicht brauche, denn sie gehe ja doch nirgendwo mehr hin.

Sie sagte das heute ganz klar.

Sie will gehen.

Wie schön das damals gewesen sei, sagen alle.
In der Bismarckstraße. Wie da alle zusammengehalten hätten.
Und wie man vor der Haustür gesessen habe an Sommerabenden.
Wie schade es sei, dass man sich immer nur zu solch traurigen Anlässen träfe.

Alle nicken.
Dabei trinken alle Kaffee und essen Brötchen, und Fotos werden herum gereicht, Fotos aus längst vergangenen Zeiten.

Ich möchte schlafen.

Höchstens, dass da ein Staunen in ihrem Gesicht war,
als sie vom Leben in den Tod überwechselte, ein Staunen, ja, aber keinerlei Zeichen von Angst.

 

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