Mai 2023                    www.hermann-mensing.de      

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zum letzten eintrag



Mo 1.05.23 14:56

Ja. Packen Sie mir den Mai nur recht schön ein. Er soll ein Geschenk sein.

21:15

Gefühle? - Ja. Wie eine leere Flasche.

21:17

Und sonst? - Nichts sonst.


Di 2.05.23 12:06 trüb

Im Allgemeinen immer wie der Himmel.

18:23

Eine junge Frau geht die Wolbecker in Höhe des Rewe stadteinwärts. Plötzlich bleibt sie stehen und wirft den Kopf herum. Sie hat etwas gesehen? Ein 50ccm Roller zündet fehl. Weitere Passanten werfen den Kopf herum. Über den Rewe Parkplatz rennt ein Mann. Der Schlenderer kommt vorbei. Haben Sie einen Euro. Nein. Geh weg. Du bist heruntergekommen. Du siehst aus wie dein schlechtes Omen, denkt sie. Jemand ruft etwas. Plötzlich scheinen alle etwas zu wissen. Da, über den Parkplatz ist er weg. Schon sind Handys gezückt, denn man weiß nie. Einmal zur rechten Zeit am richtigen Ort, und man geht viral, und wenn man viral geht, kann man verdienen. Als nichts geschieht, springt die Zeit wieder an und alles ist wie vorher. Am Abend wird die Frau erschreckt aufschauen und realisieren, dass sie dabei war, als die Zeit stehen blieb, und jetzt hat sie Angst, dass das wieder geschieht, dass sie, wie in "Und ewig grüßt das Murmeltier" in einer Zeitschleife festhängt. Wäre dann die Freundin, mit der sie in Teilchen und Beschleuniger, ein Hypster Café (in denen woke junge Frauen sitzen und tratschen wie ihre Mütter und Großmütter) verabredet war, noch da oder schon fort, oder wäre sie in einem ganz anderen Café, das sich in einer weiteren Zeitschleife an einem noch hipperen Ort befände? Es ist kompliziert und sie telefoniert. Hi, sagt die Freundin. Wo warst du? Das wollte ich dich fragen, sagt die Frau. Und es stellt sich heraus, dass sie zur gleichen Zeit in verschiedenen Cafés waren, ein Missverständnis, mehr nicht. Die Frau aber schläft schlecht in dieser Nacht und stellt am Morgen fest, dass sie ein Hautauschlag angesprungen hat, der sich über ihre Unterarme ausbreitet. Sie braucht Milch. Vor dem Rewe steht eine junge Frau, die eine beige Stretchhose trägt, die ihr Gesäß so explizit abbildet, dass die Frau beschließt, sie anzusprechen. Die aber reagiert wirsch und nennt sie "bitch" und zischt "verpiss dich!" Enttäuscht überquert die Frau die Wolbecker, bleibt stehen, wirft den Kopf herum. Als es dann knallt, weiß sie, dass das mit der Zeitschleife zwar Science Fiction ist, aber Scheiß drauf. Sie zückt ihr Smartphone, bringt es mit der rechten Hand in Position, wirft ihr Haar zurück, macht einen Schmollmund, richtet ihren Blick nach links oben und erklärt der Welt, dass sie in einer Zeitschleife festsitzt, ihr glaubt es nicht, sagt sie, fuck, ich weiß, aber so ist es, geiler Shit. Senden. Nach Sekunden noch keine Likes. Nach einer Minute noch immer keine. Sie gerät in Panik.



Do 4.05.23 15:39 verhalten sonnig

die wunder der welt
in die augen zurückzubringen
scheint unmöglich
so lange smartsphones
in der nähe sind


Sa 6.05.23 15:23

ich bete mich
um kopf und kragen
es ist nur
dass mich keiner hört
ich könnte dieses oder jenes sagen
es ist nur
dass mich alles stört
obwohl
die welt ist schön
nur wir sind schändlich
das leben soll ein fest sein
und sich endlich
von seiner schönsten seite zeigen


So 7.05.23 frühsommerlich

viktor wankt
über den zebrastreifen
zur eisdiele
parkinson
dir helfe ich nicht
denkt er
ich helfe ja nicht einmal mir
ich hab dir mein opinel
in den leib gerammt
arschloch
sie haben uns
in die klinik geflogen
die vögel wurden ganz kirre davon
der landeplatz
war zwei tennisplätze groß
ringsum busch und baum
haus und haus
da haben sie dich abgesetzt
ins haus gefahren
aufgeschnitten
und nachgeschaut
ob was zerfetzt war
war's aber nicht
parkinson
und jetzt muss ich weitermachen
mit dir und dem
was die ärzte wahnsinn nennen
merk dir eins parkinson
ich bin nicht wahnsinnig
ich habe eine frau überfahren
und noch immer rufen mich diese männer an
ich habe aufträge für kunst am bau
in dubai und new york
und eine tochter im puff
und du parkinson
was hast du


Di 9.05.23 14:25 bedeckt, warm

viktors haus ist leer
viktor ist nicht mehr da
er lebt mit einer wunde im bauch
die man ihm täglich aufreißt
viktor sagt die therapeutin
da muss alles raus
alles muss neu geordnet werden
dann erst packen wir es zurück
an den richtig ort
hören sie mir überhaupt zu
viktor nickt
ich kann es nicht mehr hören
das gerede von wahnsinn
stimmt was ich sage
sie haben also eine frau überfahren
viktor nickt
und wieso hat die polizei
nicht fünf minuten später
an ihrer tür geklingelt
kann ja noch kommen
ist aber sechs jahre her
sie werden schon sehen


Do 11.05.23 13:46 mild, bewölkt, immer mal ein Schauer

du glaubst dir
das ist nichts schlechtes
aber ich glaube dir keinen tag länger
ich habe dich vierzig jahre geliebt
und dann machst du sowas
und machst sofort
eine neue geschichte draus
fakt ist
acht polizisten kreisen viktor ein
und dann tut er's
und dann black
viktor weiß nichts mehr
sagt er am tag 1 danach
zwei wochen später
spricht er von vierzig polizisten
vier knieten auf armgelenken und beinen
es gibt zeugen die das anders sahen
du baust fakten falsch zusammen
in deiner kunst tust du das nie
wieso
dein zustand macht mir angst
ich weiß nicht wie er sich anfühlt
ich hege aber auch zweifel
an den kategorisierungen der psychologie
aber was zum teufel soll es sonst sein
alle denker wissen
dass es außer dem augenblick keinen ort gibt
an dem vergangenheit und zukunft sich treffen
das setzt energie frei
und wenn man da mitschwingt
hat man es gut
warum schwingst du nicht mit
das weiß ich nicht sagt viktor

15:36

Version 9

du glaubst dir
das ist nichts schlechtes
ich glaube dir keinen tag länger
ich habe dich vierzig jahre geliebt
und dann machst du sowas
acht polizisten kreisten dich ein
und dann hast du zugestoßen
ich weiß nichts mehr
sagst du am tag danach
zwei wochen später
sprichst du von vierzig polizisten
vier auf deinen armgelenken und beinen
es gibt zeugen die das anders sahen
du baust fakten falsch zusammen
in deiner kunst tust du das nie
dein zustand beunruhigt mich
ich weiß nicht wie er sich anfühlt
ich hege zweifel
an den kategorisierungen der psychologie
aber was zum teufel soll es sonst sein
alle denker wissen
dass es außer dem augenblick keinen ort gibt
an dem vergangenheit und zukunft sich treffen
das setzt energie frei
und wenn man da mitschwingt
hat man es gut
warum schwingst du nicht mit
weiß nicht sagt viktor


Fr. 12.05.23 21:45 mild, sonnig

Ich treibe mich rum, und wenn ich Glück habe, erlebe ich was. Ich mache Notizen. Sie purzeln im Notizbuch rum und träumen davon, als erste aufgeschrieben zu werden, aber sie sind mir zu frisch. Ich warte, bis sie reif und ihn ihnen langweilig wird, dann melden sie sich. Außerdem bin ich das Schreiben im Augenblick etwas leid. Stattdessen fotografiere ich wieder häfiger mit der Lumix. Eine Weile hat mich die Canon Eos750, die ich geerbt hatte, davon abgehalten. Letztendlich aber ist der Apparat egal, was zählt ist das Motiv, und das muss man finden. Na ja, finden ist nicht ganz richtig, natürlich muss man die Augen aufhalten, das tu ich beim Pilzesammeln auch und trotzdem war es bei mir immer eher so, dass die Pilze mich fanden. Das tun die Motive auch, und in letzter Zeit gern. Wenn das passiert, hat die Lumix unschlagbare Vorteile. Sie ist handlich und passt in jede Jackentasche. Sie ist mein Revolver. Zuhause trommle ich zu Bands, die ich über Youtube streame. Ganz hervorragend ist das Live Konzert von Seeed auf der Waldbühne mit Cold Steel. Gestern habe ich mit Miles Davis und Rihana geübt. Die Fortschritte sind spürbar, dumm ist nur, dass ich keine Band mehr habe. Ich werde wieder zu den Sessions im Hot Jazz gehen, mal gucken. Mit Clemens Setz "Die Frequenzen" bin ich noch lange nicht durch. Er erzählt großartig, er langweilt mich nie, aber oft ist es so, dass ich nicht mehr weiß, wo ich bin, ob es überhaupt eine Geschichte gibt, oder ob dieses Buch ein Heuhafen voller Nadeln ist, die er mir in die Haut piekt. Nach Jahrzehnten habe ich mal wieder Handke gelesen und im Augenblick lese ich Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen, der so machtvoll schreibt, dass ich oft durchatmen muss. Ich tanze nach wie vor Tango und Salsa. Beides leidenschaftlich, mit wechselndem Fokus. Sonntag fahre ich zu einer Milong ins Piesberger Gesellschaftshaus in Osnabrück. Ein wundervoller Saal, der früher mal der Festsaal der Piesberger Bergleute war, auch ein Versammlungsort, sehr schön für Tango und andere Gesichter, denn in Münster sehe ich immer dieselben. Heute hatte ich fünf Führungen im Rüschhaus. Ich hab ausgeholfen, sonst wäre das Haus wegen Personalmangels zu geblieben, dumm ist nur, dass ich morgen nochmal ran muss und ich bin jetzt schon platt. Ich tu's ja liebend gern, aber es kostet Kraft. Fünf Führungen heißt: 5 Stunden stehen, mindest 45 Minuten pro Führung reden. Und nicht langweilen. Wenn ich jetzt in der Stadt wohnte, säße ich irgendwo draußen und tränke was. Hier im Dorf macht das keinen Sinn.


Sa 13.05.23 23:54 sonniger Tag

sing aus vollem hals
hau auf die pauke
lass die wände wackeln
sing bis alle singen
sing auf zwei und vier
worauf wartest du
die welt ist dein leid
deine liebe also sing
sie wartet schon lange


So 14.05.23 22:55 wechselnd wolkig, warm, etws Regen

sing
bis alle singen
auf zwei und vier
die welt ist dein leid
deine liebe
sie wartet schon lange

22:37

sing
die welt ist dein leid
deine liebe
sie wartet schon lange


Di 16.05.23 11:37 wechselnd bewölkt

Die Frau sagt nicht Guten Morgen, sie sagt, du hast den Käse unverpackt in den Kühlschrank gelegt, und den Schinken auch. Der Mann hätte gern guten Morgen gesagt. Er hätte erklären können, dass der Käse, von dem er sich zu Nacht noch einen Daumen breit abgeschnitten hatte, nicht in die Plastikdose passte, er hätte sagen können, aber der Schinken war doch noch original verpackt, aber das sagt er jetzt nicht. Die Stimmung im Haus ist seit dem Eklat über ihre liegengebliebenen Zahnstocher und Tempotaschentücher schon seit vierzehn Tagen im Eimer, also feuert er Drohnen, die Sirenen heulen, und der Friede, von dem alle immer so herzergreifend fabulieren, ist verloren. Der Mann muss fliehen. Er besucht seine platonische Geliebte, trinkt in ihrem Garten Kaffee und stellt fest, dass auch dort Krieg herrscht. Der eine lässt seine Socken überall liegen, der andere vergisst ständig seine Zahnbürste wegzustellen, das Zusammenleben von Mann und Frau scheint ein Tollhaus. Warum tut man sich das freiwillig an? Um nicht allein zu sein? Steckt dahinter ein tiefgreifenderes Missverständnis? Ein genetisch vorprogrammiertes Desaster, dem niemand entkommen kann? Während also Sirenen heulen, die Frau in Schweigen versinkt, überlegt der Mann, was seine Stimmung aufheitern könnte. Eine andere Frau? Ja, gern, jederzeit, zumal die visuellen Reize der sonnigen Tage ihn von allen Seiten anspringen, aber dazu ist er zu alt. Träume? Ja, Träume sind ungefährlich. Aber was hebt seine Stimmung ohne Abhängigkeit von diesen seltsamen, unbegreiflichen Wesen, die alles besser wissen und können. Was kann er, was sie nie können? Zum Abend fährt er in den Club, wo die Nachwuchskräfte der Musikhochschulen Stücke aus dem Real Book spielen. Der Mann hat seit Jahren keinen Jazz mehr gespielt, aber da er schon seit Wochen am Single Stroke Roll arbeitet und die Paradiddle ihm nur so aus den Ärmeln flutschen, baut er das Schlagzeug auf links, und dann geht es los. Man lobt ihn. Man sagt nicht, du hast den Käse nicht eingepackt, man sagt, komm doch beim nächsten Mal wieder. Wo warst du überhaupt so lange?

Do 18.05.2 10:32 sonnig, leichter Wind, noch frisch

Die Wahrnehmung eines Ortes hängt von der Stimmung seines Besuchers ab, und so mag es sein, dass der Mann Castrop Rauxel vierzehn Tage nach dem Tod seiner Frau nichts abgewinnen konnte. Ein KIK Markt, eine Spielhalle, Brutalismus und dadurch bedingt eine Tristesse, die perfekt mit ihm harmonierte. Nichts wie weg, hatte er gedacht, aber das ging nicht, man hatte ihn zu Lesungen in der Stadtbücherei gebucht. Er kann zu jeder Tages- und Nachtzeit lesen. Er kann mit Lesen den Tod besiegen, aber nach der zweiten Lesung fragte ein Kind, ob er eine Frau habe und Kinder. Zwei Jungs, hatte der Mann gesagt, meine Frau ist vor vierzehn Tagen gestorben. Die Kinder reagierten mit so viel Liebe, dass ihm Tränen kamen, und einigen Kindern auch. Danach hatte er sich ins Auto gesetzt und war ohne Castrop eines Blickes zu würdigen heimgefahren. In eine stille Wohnung. Ein Ort für Selbstgespäche und Gespenster. Die Asche seiner Eltern stand auf dem Klavier. Bald stünde ihre daneben.

Als der Mann sich vor vierzehn Tagen zum ersten Mal mit dem 49Euro Ticket auf den Weg machte, der ihn auch nach Castrop Rauxel führen würde, war die Lebensgefährtin seit zwei Tagen in Schweigen verfallen, ihre schärfste Waffe. Der Grund war so banal, dass der Mann sich schämte, wenn er daran dachte. Es ging um liegengebliebene Zahnstocher. Er hatte die Frau schon oft gebeten, sie wegzuräumen. Er fand sie noch störender als ihre herumliegenden Tempotaschentücher. Am Morgen dieses Tages war ihm die Hutschnur geplatzt, er hatte den Zahnstocher zwischen Zeigefinger und Daumen gehalten und der Frau gedroht, ihr ihn in den Arsch zu schieben. Sie wertet solche verbalen Ausfälle als Aggression, der Mann hält sie für einen groben Scherz. Ob das an ihrer Herkunft liegt? In seiner ging es oft lautstark zu. In ihrer schwieg man alles unter den Tisch. Der Mann weiß das nicht. Gerade hat der Zug Castrop Rauxel erreicht. Zu sehen sind Gründerzeithäuser, viel Grün und dann schon wieder Kartenkontrolle. Die fünfte, seit er in den Zug gestiegen ist. Im Gegensatz zu zwei weiblichen und männlichen DB Mitarbeitern, die mit dunkelblauen Hosen, Westen und hellblaue Hemden bekleidet waren, trägt sie ein burgunderfarbenes Kostüm, ein Stewardessenhalstuch, und eine auf ihrem Blondhaar keck sitzende, viel zu große kapitänsartige Mütze mit dem Logo ihrer Firma, das der Mann allerdings nicht entziffern konnte. Sie war mollig, und den Mann hätte es nicht gewundert, wenn sie eine Operettenmelodie geträllert hätte. Der Zug fuhr wieder an. Der Mann überlegte, dass die Dinge seit Privatisierung der Bahn immer unübersichtlicher wurden, was, bitte, war das für eine Regionalbahn, und wie verrechnete man das, sie fuhr doch auf denselben Gleisen? Egal, dachte der Mann, dem zwischen Newcastle und Edinburrough einmal noch viel komplizierteres widerfahren war. Bis Dortmund war es nicht mehr weit. Der Mann zählte noch drei, vier kleine Ortschaften in sich wellendem, grünen Land, dann tauchte Dortmund auf. Linkerhand ein Rangierbahnhof, dem man gerade die Gleise aus dem Kiefer brach, dann ein Bahnhof im Umbau. Hier einen geregelten Zugverkehr aufrecht zu erhalten, schien dem Mann höchst kompliziert, aber bestimmt nicht so kompliziert, wie das Leben eines Mann und einer Frau.


Sa 20.05.23 13:18 wechselnd bewölkt mild windig

Na bitte, geht doch, dachte der Mann. Seit er Dur- und Mollakkorde auf dem Klavier unterscheiden und spielen kann, öffnen sich Türen, von denen er nichts wusste. Bleib Ton für Ton dran, check alle Halbtonschritte nach oben und unten, dann kannst du bald Akkordsymbole (Emaj7 etc.) lesen. Auch das Üben auf dem Drumpad macht Fortschritte. Der Single Stroke Roll rollt immer gleichmäßiger, sogar mit den Brushes klappt er schon, und die rechte Hand gewinnt zunehmend Autonomie. Alles eine Frage der ergonomischsten Stickführung und des Übens. Und dann gestern: sechs Führungen durch das Rüschhaus: Abiturienten, die ihr 60zigstes feierten, der Geburtstag einer 85jährigen, der er ein Lied sang, Bayern, Rheinländer, Friesen, Menschen mit Gehbehinderungen, keine Gruppe unter zehn, und er auf dem Höhepunkt der Performancekunst, verifiziert durch 140 Euro Trinkgeld. So eingestimmt wäre es jetzt an der Zeit, die Sache mit den Frauen endgültig zu regeln. Ihnen den Rücken zuzukehren. Sie mit dem Arsch nicht mehr anzugucken. Solitär werden wäre ein Traum, aber der Mann er liebt Frauen, und erträgt das Alleinsein nur, wenn eine in der Nähe ist. Bleibt also nur, wozu ihm die platonische Geliebte und Viktor raten. Weitermachen. Was den Mann nachdenklich stimmt, ist, dass Viktor sich ein Messer in den Bauch gerammt hat. Und dann ist da auch das Schreiben, diese elende Krankheit. Er sitzt jeden Tag und schreibt etwas auf, aber wer übt, wird ein weltabgewandter Trottel mit Neigung zum Autismis. Üben ist trostlose Arbeit, die man tun muss, um weiterzukommen. Aber was nutzt das? Ist er nicht längst da? Genügt es nicht, ein Trottel zu sein, der sich einbildet, längst da zu sein und nirgendwo mehr hin will?


So. 21.05.23 15:33 leicht bewölkt, mild

Kaum hatte Wesselmann WORT geschrieben, fragte das Wort, wieso es "Wort" heiße. Niemand habe eine konkrete Vorstellung von ihm, im Plural sei es nur ein Synonym für alles, im Singular sei es nichts. Wenn jemand Baum sage, was ja auch ein "Wort" sei, erscheine in so gut wie jedem Menschenhirn sofort ein Baum. Bei Wort erscheine nichts, das fände es ungerecht. Ob denn niemand wisse, wo "Wort" herkomme, so wie irgendjemand zum ersten Mal BAUM gesagt haben muss, aus dem dann das Wort wurde. Das Wort aber ist nicht feststofflich. Das neidet das Wort dem Baum und allem Feststoffliche. Eines aber hat das Wort, das weder BAUM, STEIN oder IRGENDWAS hat. Das Wort hat MACHT.


Mo 22.05.23 17:33 leicht bewölkt, etwas schwül

Kaum hatte Herr M. WORT geschrieben, fragte das Wort, wieso es "Wort" heiße. Niemand habe eine konkrete Vorstellung von ihm, im Plural sei es immerhin ein Synonym für alles Gesprochene, im Singular aber nichts. Wenn jemand Baum sage (was ja auch ein "Wort" sei), erscheine in so gut wie jedem Menschenhirn sofort ein Baum. Bei Wort erscheine nichts, das fände es ungerecht. Ob denn niemand wisse, wo "Wort" herkomme, so wie irgendjemand zum ersten Mal BAUM gesagt haben müsse, aus dem dann das Wort wurde. Das Wort aber ist nicht feststofflich. Das neidet das Wort dem Baum und allem Feststofflichen. Eines aber hat das Wort, das weder BAUM, STEIN oder IRGENDWAS haben. Das Wort hat MACHT.


Do 25.05.23 bewölkt

Die Radtour zum Schloß Bentlage hängt noch nach im System. Es waren 140 Kilometer, davon ein paar unnütze, weil ich statt des einen Weges den anderen gewählt hatte, den falschen, aber man fährt dann zurück, weiter oder tut beides, man weiß, wo Norden und Süden ist, man kreuzt Feldwege und kommt dann doch dahin, wo man hinwollte. Man ist da, wo man vor sechs Jahren schon einmal war, und man weiß, wiederholen will man hier nichts, dies ist eine neue Inszenierung, wir folgen der Ems diesmal nicht bis zum Meer, sondern sind nur wegen der Kunst da. Aber so große Lust auf Kunst hatte ich nicht unbedingt, es ging mir eher um die Fahrt und die Gelegenheit, Dinge gerade zu biegen, Zeit miteinander zu verbringen. Trotzdem, sie will Kunst, sie glaubt an die Kunst, also folgt man ihr. Durch die Tür da, ah ja, da ist Kunst, das sieht man sofort, die einen können's, die anderen nicht, und die werden es auch nie lernen, macht aber nichts, denn ich hatte beim Einchecken den Flügel im Konzertsaal des Kloster entdeckt und die Dame an der Rezeption gefragt, ob ich ihn spielen dürfe. Eigentlich nicht, hatte sie geantwortet, aber mein Chef ist weg, und ich spiel ihn auch dann und wann, aber Sie dürfen das nicht weitersagen. Also spiele ich ihn und werde nicht vergessen, dass ich ihn gespielt habe. Wer weiß, was ich tu, sollte ich nochmal nach Kloster Bentlage kommen. Kloster oder Schloß - beides ist richtig, zunächst war es Kloster, dann eine Weile ein Schloß.


Fr 26.05.23 15:27 sonnig

Der Mann hat seinen Rollator vor die Mauer gestellt und sich gesetzt. Auf der Straße ist viel Verkehr. Sie führt über den Fluß. Der Mann ist aus der Nordstadt gekommen, er will zu Tschibo, Kaffee trinken, erst aber muss er verschnaufen. Er ist groß und kräftig, er hat grobporige Haut, vielleicht hat er in Ibbenbüren unter Tage gearbeitet, könnte sein, Kohlenstaub hat sich festgesetzt. Seine Nase ist breit und fleischig, sein graues Haar voll, er sieht gutmütig aus, wirkt aber, als würde er sich schämen, hier zu sitzen und nicht weiter zu können. Aber das schafft er schon, es muss eben nur langsam gehen, die neuen Hüften, die vom Rauchen verschleimte Lunge, und die Demütigungen seiner Frau, der er es nicht recht machen kann. Die Frau erträgt nichts, was nicht so gemacht wird, wie sie es macht. Der Mann hat schon oft gedacht, ein Wort noch, und ich dreh ihr den Hals um, aber er wird das nicht tun, denn er liebt sie. Komisch, denkt er, wo er doch endlich Ruhe hätte.


Mo 29.05.23 10:42 leicht bewölkt, sonnig, bisschen wind

#49Euroticket

Am Hauptbahnhof Osnabrück kreuzen sich zwei Bahnlinien, oben die Nord-Süd-Trassen, auf der unteren Ebene die von West nach Ost führenden. Vorm Bahnhof die üblichen Streuner. Manche tätowiert, anderen mit kräftigen Hunden. Einer kann mir sagen, mit welchem Bus ich fahren muss, um zum Piesberger Gesellschaftshaus zu gelangen, die 17 bis zum Neumarkt, ein etwas vernachlässigter Ort, von dort die 18 Richtung Pye. Der Busfahrer der 18 hat noch nie vom Piesberger Gesellschaftshaus gehört, spricht nur mäßig Deutsch und die digitale Anzeige der Haltestellen funktioniert nicht, aber dank Google Maps weiß ich, wo ich bin (der kleine blaue Punkt) und wo ich aussteigen muss. Mitten im Nirgendwo des ehemaligen Tagebaus Piesbergen. Eine Straße, Wald, zerklüfteter Fels, ein Steinbruch. Zwei Frauen, die mir begegnen, wissen, wie ich zum Gesellschaftshaus gelange. Geradeaus durch den Wald, den Berg hinab, keine zehn Minuten. Einen schöneren Ort, um an einem Sonntagnachmittag Tango zu tanzen, habe ich noch nicht gesehen. Draußen sitzen Ausflügler unter Kastanien bei Kaffee und Kuchen. Drinnen kann man tanzen. Pfingstsonntag. Spärlicher Besuch, wahrscheinlich sind viele übers Wochenende weggefahren. Nach anfänglichen Hadern fordert mich eine am Nebentisch sitzende Frau auf, und danach ist das Eis gebrochen. Ich tanze die Anwesenden durch und bin zufrieden.


Di 30.05.23 22:00 sonnig heute

es ist wieder so weit
damit kein glück aufkommt
muss es so weit kommen
und wenn es so weit ist
hält kein knopf
kein hosenträger
keine gute tat
nichts hilft
wenn es so weit ist
dass ein mensch einen mensch trifft
ist es zu weit
um umzukehren
wenn es so weit ist
wird jeder seinen anstand vergessen


Mi 31.05.23 17:43 sonnig

Entmündigung auf allen Ebenen.