September 2026
mensing literaturBücher von Hermann Mensing bei: Amazon.de
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Di 1.09.26 11:32 bewölkt
Es fisselt. Du hast keine Lust.
22:15
Du hast Grasskekse gegessen. Du hast Kartons getragen. Du hast Kleidersäcke getragen. Du warst hundemüde. Du warst nicht tanzen. Du hast auf dem Sofa gelegen. Du hast Musik der alten Männer gehört. Du bist ein alter Mann. Kein Hahn kräht nach dir. Vielleicht kommen sie zu deiner Beerdigung. Oder sie sterben vor dir. Du hast Glück gehabt. Du bist kein Idiot. Ob du ein Dichter bist, entscheiden andere. Du weißt, was du bist.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Mi 2.09.26 8:29 bewölkt
Wenn DU jemanden meint, mit dem du sprichst, kann es nicht ICH sein. Ob du eine Gestalt in Time bist, ein Traum oder eine Projektion des universellen Bewusstsein, von dem du gelesen hast, kannst du nicht einschätzen. Es ist etwas so ungeheuerliches, dass es dir fast den Teppich unter den Füßen fortgezogen hat. Bewusstsein, hieß es, sei nicht etwas, was ein Individuum entwickle, sondern ein bereits existierender Zustand des Universum, an dem es nur teilnimmt.
DU erwachst, rollst aus dem Bett, schlüpfst in Barfußschuhe und hast das Haus verlassen, eh auch nur ein Funken Verstand gezündet hätte. Beim Haus mit den ungewaschenen Gardinen und der faden Neonröhre beginnst du mit deiner Eroberung. Du musst dich überwinden. Du hast festgestellt, dass das Stehen auf einem Bein, wahlweise links und rechts bei gleichzeitigem Versuch, mit den Hände in den Himmel zu greifen, nicht immer einfach ist. Manchmal kippst du. Heute hast du gestanden wie die Eins. Deine Morgenroutine macht Freude. Innerhalb der nächsten halben Stunde gerätst du mehrfach außer Atem. Es könnte auch sein dass du tot umfällst. Du glaubst, du hättest Glück gehabt?
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
17:31
Der wichtigste Zweck der zweiten Person Singular ist die direkte Ansprache. Auch bei Befehlen und Aufforderungen in Komplizenschaft mit dem Imperativ. Komm! Ein besonderer Gebrauch ist das allgemeine "du"- Wenn du mal alt wirst...Hier ähnelte es dem Indefinitpronomen "man". Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Do 3.09.26 8:27 bewölkt
Es ist bedeckt. Du könntest aufräumen, Klavier spielen, Paradiddle üben oder schreiben. Du lässt das. Dir fehlt die Gier, du hast keinen Killerinstinkt. Du legst dich wieder hin. Du hast ein Bett mit Aussicht. Vielleicht kommt der Grünspecht. Sieh zu, wie der Tag vergeht. Du hast Frühsport gemacht. Dein System hat es sich gemerkt. Du baust Kondition auf. Du staunst. Du hättest dir das vor ein paar Wochen nicht vorstellen können.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Fr 4.09.26 11:14 bewölkt, windig
Föhniger Morgenwind. Du warst nicht in Form. Graskekse sind gut für Improvisationen auf dem Klavier, aber schlecht für frühe Bewegung. Du hast dennoch Arme geschwungen, Körper gebeugt, Gelenke gedehnt, hast eine Runde gedreht und auf dem letzten Aufstieg, den du dir jedes Mal gönnst, an drei Stellen Psylozibinpilze entdeckt. Auf dem Heimweg hast du dich über eingetütete Hundescheiße am Wegrand geärgert. Heute feierst du. Vor einem Jahr bist du hierher gezogen. Du schaust in den Garten und fasst es nicht. Aus einem Fleck von Efeu überwuchertem Land ist ein Paradies geworden. Ständig blüht irgendwas, es wachsen Tomaten von köstlicher Süße, extra scharfe Pepperoni, Zucchini und knackigster Salat. Das Jahr ist verflogen wie ein Spuk. Gleich setzt du dich aufs Rad, fährst zum Markt am Kirchplatz und isst beim Holländer Backfisch. Heute Abend gehst du ins Kino. Du willst Vaterland sehen. Sonntag sind Wahlen. Danach wird das Geschrei noch größer sein als zuvor, egal, wie es ausgeht. Das Vaterland ist in Gefahr. Die Welt ist in Gefahr. Das Geschrei ist kaum noch auszuhalten. Man muss etwas tun.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
So 6.09.26 15:33 sonnig
Wie sie sich bei der Begrüßung umarmen. Es geht ihnen gut, sagen sie auf die Frage, wie es ihnen geht. Alle können das, nur du nicht.Du bist früh vor Ort. Du sitzt eine Weile und beobachtest. Du ahnst, dass du nicht warm werden wirst, tanzt aber dann doch und weißt schon jetzt nicht mehr mit wem, es ist auch egal. Du bist dir fremd, sie sind dir fremd, du bist sicher, es liegt an dir. Es wird immer voller. Der Rittersaal der Burg Lüdinghausen schwirrt. Du musst auf engstem Raum navigieren, tanzen kann man das nicht mehr nennen, also fährst du nach Hause. Lange Geraden, ruhige Fahrt. Du fährst nie schneller, als du vorausschauen kannst. Einmal überholt dich ein Audi in hohem Tempo. Du musst an W. denken, der auf dieser Straße von einem in hohem Tempo fahrenden Wagen gerammt wurde und starb. Dir fehlen die Worte. Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Mo 7.09.26 15:39 sonnig und warm
Der IKEA Gründer Ingvar Kamprad war als junger Mann Mitglied einer nationalsozialistischen Organisation. Da solltest du froh sein, dass der Sessel, den du kaufen wolltest, nicht vorrätig war. Du warst mit dem Roller über die A1 nach Kamen gefahren, hattest einen Aufzug benutzt, eine Etage durchlaufen und zwei Mitarbeiter um Hilfe gebeten. Als klar war, dass du den Sessel nicht probesitzen konntest, wolltest du das Haus auf schnellstem Wege verlassen. Aber das geht nicht so einfach. Die Pfeile zum Ausgang leiten dich vorher einmal durch's ganze Haus. Zum Glück waren zwei Mitarbeiter in gelben IKEA T-Shirts in der Nähe. Ich will hier raus! sagtest du zu ihnen. Wir auch, sagten die beiden, und dann fragte der eine, ein großer, stark tätowierter Mann, ob du Ware hättest. Nein, sagtest du. Dann kommen Sie mal, sagte er, ging mit dir zur nächsten Tür, hielt seinen Ausweis vor ein Lesegerät und entließ dich in die Freiheit. Du wirst also diesen Sessel nicht kaufen. Weder diesen, noch irgendeinen anderen. Die Idee, deinem rasant alternden Leib (gestern war er noch 30) und deiner Lust zu lesen einen sicheren, bequemen Ort zu bieten, hat sich erledigt. Du brauchst ihn nicht. Du hast ja zwei Sessel. Und in Anbetracht der Wahlerfolge der faschistischen Rechten in Sachsen-Anhalt (nicht die Alten waren das Zünglein an der Waage, sondern die Jungen) wirst du nie mehr bei Rechten kaufen. Im Übrigen bist du recht zuversichtlich, dass die Rechten sich sehr bald und sehr gründlich selbst erledigen.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Ich will hier raus! sagst du.
Mi 9.09.26 16:40 windig, wechselhaft
Du hast "Ich" von Wolfgang Hilbig gelesen. Du glaubst, du verstehst jetzt, wieso die Landsleute im Osten ticken, wie sie ticken. Aber dann verstehst du es doch wieder nicht, denn wie siehst es denn aus im Osten, und wie sah es damals aus. Nein, du verstehst es doch nicht.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Ich will hier raus! sagst du.
21:29
du hättest worte
du hättest einen langen arm
du hättest eine faust
du bist sprachlos
dein herz zerspringt
du verlierst verstand
dein lieblingshut ist auch weg
du bittest um wunder
Do 10.09.26 17:21 ruhiger Frühherbst
niedertracht
und recht auf dummheit
für das deutsche vaterland
danach lasst uns alle streben
kalt im herz mit harter hand
niedertracht
und blaue zwietracht
sind des glückes unterpfand
blüh im glanze der verdummung
blühe arisch vaterland
Fr 11.09.26 12:51 bewölkt
Du weißt noch, wie entsetzt du warst.
Du weiß aber auch, dass du gedacht hast, das haben sie verdient.
Diese Drecksamerikaner.
Du bist noch immer entsetzt.
Wer ist dieses Du eigentlich?
Die 2. Person Singular ist sperrig.
Du weißt nicht, ob du sie wie geplant bis zu Ende des Monats durchziehst.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Ich will hier raus! sagst du..
Du bist noch immer entsetzt.
18:01
Die 2. Person Singular hält das aus. Sie glaubt nichts mehr, aber sie hält das aus. Das Web ist voll ivn Verschwörung. Niemand glaubt an die offiziellle 9.11. Geschichte. Es gibt Zeugen aus allen gesellschaftlich- und politischen Richtungen. Manche sagen, bin Laden habe für die CIA gearbeitet. Wieso das Gebäude Nummer 7 einstürzt, ist allen klar. Es beherbergte die Archive des CIA. Alle, die in der Nähe der fallenden Twin-Tower waren, sprechen von von Explosionen. Bam bam bam. Eine nach der andren. Die Bilder bestätigen das. Die USA sollen nicht in der Lage gewesen sein, zwei Amok fliegende Jets abzufangen? Lächerlich. Die 2. Person Singular fasst sich an den Kopf. Wer hinter all dem steckt, wird sie nicht erfahren. Sie erfährt nur, dass mit Lügen Vermögen gemacht werden. Sie erfährt, dass das Böse die Wahrheit ist. Du willst dir die Haare ausreißen. Stimmt's. Stirb. Da, wo du dann landest, ist es ruhiger.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Ich will hier raus! sagst du..
Du bist noch immer entsetzt.
Du willst dir die Haare ausreißen.
Sa 12.09.26 13:11 bewölkt, mild
Es tut hier weh und da. Du bist müde und matt. Du überforderst dich. Das liegt am Kopf, der viel jünger ist als dein Körper. Du wirst den Körper schonender behandeln müssen.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Ich will hier raus! sagst du..
Du bist noch immer entsetzt.
Du willst dir die Haare ausreißen.
Du überforderst dich.
So 13.09.26 12:18 bewölkt, regnerisch, mild
Du liegst im Bett. Die Kissen aufgeschüttelt im Rücken, dahinter dein Klavier. Der Rechner liegt auf den Oberschenkeln. Du bist noch immer beim DU. Du bist nach dem Aufwachen nicht aufgestanden und hast deine Morgenrunde gedreht. Du hast dich umgedreht. Die Frau hat Frühstück gemacht. Ihr habt auf dem Balkon gefrühstückt. Den zweiten Kaffee hast du in der Küche getrunken, um die ersten Marathonläufer nicht zu verpassen, die sich heute für dich gequält haben. Kurz vor zehn kam zehn Afrikaner, die um ihr Leben rannten. Dann hast du dich wieder hingelegt und gelesen. Du hast darüber nachdenken müssen, wann Schluss ist. Wann ist Schluss mit dem, was du am liebsten tust? Was tut man? Was hat man getan? Dass du keinen Frühsport getrieben hast, kommt dir komisch vor. Aber es hatte sich gestern schon angedeutet. In dir steckt eine Müdigkeit, die du dir nur mit Alter erklären kannst. Geht die, wenn man nur lang genug im Bett bleibt, wieder weg, oder war es das jetzt? Kurz vorm Aufwachen hast du plötzlich das rechte Bein hochgerissen, so wie du das auf deiner Morgenrunde am Berg tust, aber als du dann wach warst, warst du dir nicht sicher, ob du es nicht nur geträumt hattest. Es ist Mittag. Du könntest was essen, bist aber zu faul, es zuzubereiten. Du willst nachher Tango tanzen, auch so eine Gewohnheit, die du irgendwann abwickeln wirst. Das alles ist so traurig und so normal, dass du nur lachen kannst. Worüber du nicht lachen kannst, ist der Zustand der Welt.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Ich will hier raus! sagst du..
Du bist noch immer entsetzt.
Du willst dir die Haare ausreißen.
Du überforderst dich.
Du liegst im Bett.
Mi 16.09.26 12:33 wechselnd bewölkt, Aussicht auf Regen
Also noch etwas da war, hast du etwas abgezweigt und zurückgelegt. Wenn jetzt einer kommt und sagt, das und das, sagst du, kein Problem, ich habe zurückgelegt. Gestern hast du dir ein Harris-Tweed Jacket gekauft. Dann hast du eine Hohner Melodica gesehen, konntest dich aber nicht entschließen, sie zu kaufen. Was vorgestern war, hast du vergessen. Wenn einer käme und sagte, wo warst du Montag um 14:30, du hättest keine Ahnung. Waren bei Aldi nicht Blumenzwiebeln im Angebot und hatte die Frau nicht unbedingt hinfahren müssen, um welche zu kaufen? Ja. Du warst bei Aldi, aber das war am Morgen. Du hast dort für 100 Euro eingekauft. Das könntest du sagen, aber wie die Leiche des Schneiders auf deinen Balkon gekommen ist, die man dort fand, wüsstest du nicht. Diesen ausgewachsenen Schneider, der dir ständig vor der Nase herumtaumelte, muss irgendjemand erschlagen haben. Aber du? Du warst um 14:30 woanders. Richtig, du warst in der Eisdiele. Zu Abend bist du nicht in den Hot Jazz Club gefahren, um mit Wildfremden Musik zu machen. Du warst zu müde. Gestern hattest du Ehrenamt. Deswegen das Harris-Tweed Jacket. Danach hast du dich mit den Enkeln getroffen. Einer hatte Geburtstag. Er wurde 15. Mit deinen Enkeln ist es nicht so wie im Kino, wo die Enkel dem Opa mit ausgebreiteten Armen entgegen eilen und schon von weitem rufen, wie lieb sie ihn haben. Deine Enkel sind da deutlich zurückhaltender. Du kannst schon von Glück reden, wenn sie dich bemerken. Abends warst du dann Tango tanzen. Heute hast du länger geschlafen und dich erst gegen halb zehn auf den Weg der 1000 Torturen gemacht, denen du dich freiwillig aussetzt. Den etwa 100 Meter langen Anstieg zum Gipfel des Berges schaffst du täglich ein klein wenig besser. Ob angekommen schnaufst du gehörig. Dann kommt die Bank, die du zu einem Turngerät umfunktioniert hast. Das tut dir gut. Das wirst du nicht mehr aufgeben. Und den letzten Sprint durch die hohle grüne Gasse bergauf auch nicht, im Gegenteil, den wirst du forcieren. Heute nacht hat es ein kräftiges Gewitter gegeben. Du bist davon aufgewacht, hast aber gleich weiter geschlafen. So wie es aussieht, könnte es heute noch etwas geben. Gibt es sonst Neues. Ja. Aber das bleibt geheim.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Ich will hier raus! sagst du..
Du bist noch immer entsetzt.
Du willst dir die Haare ausreißen.
Du überforderst dich.
Du liegst im Bett.
Heute hast du länger geschlafen.
Do 17.09.26 17:37 frisch, windig
Du wünscht, dass jemand eine Laudatio hält. Und eine Straße nach dir benennt. Sie hätte deinem Vater zugestanden, der aber konnte im Gegensatz zu dem anderen Anwärter nicht schleimen. Du könntest das auch nicht. Trotzdem soll jemand eine Laudatio halten. Damit du später sagen kannst, der hat eine Laudatio gehalten. Er hätte gesagt, dass du einmal eine Gruselbegabung warst. Einer, der nie langweilt. Einer mit Empathie, dessen Arbeiten das Leben einer Generationen in Dichtung verwandelt, die die Zeit überdauert. Das täte die gut, aber du würdest es wahrscheinlich nicht glauben. Es gelänge dir nicht. Sagt einer aber das Gegenteil, würdest du eingehen wie eine Priemel. Ein paar Tage wärst du am Arsch. Schon besser, dass keiner eine Laudatio hält. Dann müsste er sagen, dass es dir besser nicht gehen könnte. Du wirst nicht belästigt. Weder für deine törichsten Tagträume noch für deine besten Sätze. Die liebst alle, die aus dem Nichts erscheinen. Wie die Leute das finden, ist dir nicht egaL; aber eigentlich geht es dich nichts an. Der Tag setzt sich. Du hörst Cassandra Wilson. Take the last train to Clarksville. In der Küche werden Moules et Frites vorbereitet. Die Moules hast du heute früh bei Aldi gekauft. Die Frau hat einen Katalog, in dem Angebote stehen. Heute MIttag wart ihr in den Pilzen, aber die Pilze waren woanders.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Ich will hier raus! sagst du..
Du bist noch immer entsetzt.
Du willst dir die Haare ausreißen.
Du überforderst dich.
Du liegst im Bett.
Heute hast du länger geschlafen.
Du wünscht, dass jemand eine Laudatio hält.
Fr 18.09.26 16:46 meist kräftig bewölkt
Die Chefin hat dir "In einem Zug" von Daniel Glattauer geschenkt und sehr davon geschwärmt. Du hast es gelesen. Es ist eines dieser cleveren Bücher, und wie es so ist mit cleveren Büchern, niemand hätte sie vermisst, wären sie nicht geschrieben worden. Drei Abende hast du damit verbracht, clevere Bücher lesen sich fix, mit Hilbig hast du über zwei Wochen verbracht. Glattauer kommt ins Regal. Murakami auf den Tisch. Du hast viel von Murakami gelesen, fünfzehn, zwanzig Jahre mag das her sein. Irgendwann hattest du die Nase voll. Dieser Murakami heißt "Gefährliche Liebe". Mal sehn, ob er dir gefällt.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Ich will hier raus! sagst du..
Du bist noch immer entsetzt.
Du willst dir die Haare ausreißen.
Du überforderst dich.
Du liegst im Bett.
Heute hast du länger geschlafen.
Du wünscht, dass jemand eine Laudatio hält.
Du hast viel von Murakami gelesen.
Sa 19.09.26 bewölkt und böig
Du schreibst, weil du das Leben nicht aushältst. Deine Kunst ist eine Aneinanderreihung von Übersprungshandlungen. Womöglich hast du ADHS. Womöglich hat die ganze Welt ADHS. Du übst Klavier, nachdem du Kaffee aufgesetzt hast. Das lässt Zeit für ein paar Akkorde. Du trinkst Kaffee. Du schreibst ein paar Sätze. Du trommelst gegen den Wind. Du tanzt. Du wirst älter und kannst es nicht ändern. Von 5 Pseudoliegestützen gegen die Lehne einer Bank auf dem Wall hast du dich auf 50 gepumpt. Du könntest nicht sagen, warum. Es ist einfach passiert. Du hast eine Sehnsucht.. Die Welt drangsaliert dich. Die Welt lässt dich in Ruh. Ganz gleich, was sie tut, es ist nicht richtig. Du bist richtig. Du bist Gold wert. Das soll dir mal jemand nachmachen. Deine Verdauung ist gut. Einmal am Tag jagst du deinen Puls auf 180 bpm und überlebst. Mehr kannst du nicht erwarten.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Ich will hier raus! sagst du..
Du bist noch immer entsetzt.
Du willst dir die Haare ausreißen.
Du überforderst dich.
Du liegst im Bett.
Heute hast du länger geschlafen.
Du wünscht, dass jemand eine Laudatio hält.
Du hast viel von Murakami gelesen.
Du schreibst, weil du das Leben nicht aushältst.
Der Text wirkt wie ein innerer Monolog zwischen Selbstanklage, Selbstberuhigung und trotzigem Lebenswillen. Besonders interessant ist, dass er seine Widersprüche nicht auflöst, sondern nebeneinander stehen lässt.
1. Grundbewegung: Vom Vorwurf zur Selbstbehauptung
Der Anfang ist aggressiv:
Du schreibst, weil du das Leben nicht aushältst.
Das Schreiben wird nicht als souveräne künstlerische Entscheidung beschrieben, sondern als Symptom. Übersprungshandlungen verschiebt Kunst in die Nähe eines nervösen, unwillkürlichen Verhaltens: Man tut etwas, weil man die eigentliche Spannung nicht aushält.
Dann folgt die ironische Diagnose:
Womöglich hast du ADHS. Womöglich hat die ganze Welt ADHS.
Das ist eine interessante Verschiebung vom Individuum zur Welt. Zuerst lautet die Hypothese: Mit dir stimmt etwas nicht. Dann: Vielleicht ist die gesamte Gegenwart so. Dadurch wird die vermeintliche Pathologie zugleich individualisiert und universalisiert.
2. Die Aufzählung ist selbst eine Übersprungshandlung
Du übst Klavier Du trinkst Kaffee. Du schreibst Du trommelst Du tanzt.
Die Syntax bildet das Verhalten nach. Kurze Hauptsätze, Tätigkeitswechsel, kaum Reflexion. Der Text macht formal genau das, was er beschreibt: Er springt von Handlung zu Handlung.
Besonders schön ist:
Du übst Klavier, nachdem du Kaffee aufgesetzt hast. Das lässt Zeit für ein paar Akkorde.
Hier wird sogar die Zwischenzeit produktiv gemacht. Es ist kein großes Üben, kein Kunstprogramm, sondern ein kleines Zeitfenster zwischen zwei banalen Vorgängen. Daraus entsteht eine Poetik des Beiläufigen.
Man könnte sagen: Der Text verteidigt eine Kunst, die gar nicht erst behauptet, große Kunst sein zu wollen.
3. Du trommelst gegen den Wind ist der poetische Mittelpunkt
Diese Zeile hebt sich von den konkreten Alltagshandlungen ab.
Trommeln gegen den Wind ist eigentlich sinnlos. Der Widerstand ist unsichtbar; die Handlung kann ihn nicht verändern. Und doch wird getrommelt.
Damit bekommt der Text plötzlich eine existentielle Dimension: Handeln ohne Aussicht auf einen abschließenden Zweck.
Das passt direkt zum späteren:
Du wirst älter und kannst es nicht ändern.
Altern, Wind, Welt: Alles sind Kräfte, gegen die sich nichts endgültig ausrichten lässt. Trotzdem wird gehandelt.
4. Die Pseudoliegestütze sind ein Gegenbild zur großen Selbstoptimierung
Die Passage mit den 5 und 50 Liegestützen ist komisch und zugleich sehr ernst:
Du könntest nicht sagen, warum. Es ist einfach passiert.
Das ist fast eine Absage an die übliche Erfolgserzählung. Es gibt kein Ziel, keinen Trainingsplan, keine Disziplinserzählung und keinen heroischen Moment.
Aus fünf werden fünfzig. Warum? Keine Ahnung.
Gerade dadurch wird die körperliche Veränderung glaubwürdig. Der Körper macht weiter, obwohl der Geist keine große Begründung liefern kann.
5. Die Sehnsucht wird nicht erklärt
Du hast eine Sehnsucht..
Die zwei Punkte sind auffällig. Sie wirken wie ein Stocken, vielleicht wie ein Satz, der eigentlich weitergehen müsste, aber nicht kann.
Und tatsächlich wird die Sehnsucht nicht benannt.
Das ist wahrscheinlich stärker, als wenn anschließend etwa nach Freiheit, nach Liebe oder nach Ruhe käme. Die Leerstelle macht sie allgemeiner.
6. Der zentrale Widerspruch: Die Welt drangsaliert dich / lässt dich in Ruh
Das ist für mich die stärkste Passage:
Die Welt drangsaliert dich. Die Welt lässt dich in Ruh. Ganz gleich, was sie tut, es ist nicht richtig.
Hier wird die Welt nicht als eindeutig feindlich beschrieben. Das Problem ist vielmehr: Keine Beziehung zur Welt stimmt.
Zu viel Welt ? Überforderung.
Zu wenig Welt ? Verlassenheit.
Egal was passiert ? Unzufriedenheit.
Und dann kommt der abrupte Gegenschlag:
Du bist richtig. Du bist Gold wert.
Das ist fast wie eine Gegenstimme im Kopf. Nach der Selbstdiagnose am Anfang folgt die Selbstbeglaubigung.
7. Das soll dir mal jemand nachmachen.
Dieser Satz verändert den Ton noch einmal. Er ist trotzig, fast größenwahnsinnig aber auf eine sympathisch kleine Weise.
Nicht: Ich bin außergewöhnlich.
Sondern: Versuch du erst einmal, das alles hinzukriegen.
Das Leben wird hier zu einer Leistung, die gerade darin besteht, es überhaupt weiterzuführen: älter werden, Kaffee trinken, schreiben, Klavier spielen, Sport machen, verdauen, den Puls hochjagen.
8. Das Ende ist großartig banal
Deine Verdauung ist gut.
Nach Sehnsucht, Welt, Alter und Gold wert landet der Text bei der Verdauung.
Das könnte zunächst wie ein Witz wirken. Aber es ist mehr: Der Text zieht die Existenzphilosophie zurück in den Körper.
Und dann:
Einmal am Tag jagst du deinen Puls auf 180 bpm und überlebst.
Überleben klingt angesichts eines normalen körperlichen Trainings plötzlich dramatisch. Genau darin liegt der schwarze Humor.
Der Schlusssatz:
Mehr kannst du nicht erwarten.
ist deshalb doppeldeutig. Er klingt gleichzeitig deprimiert und zufrieden.
Man kann ihn lesen als:
resigniertes Mehr ist vom Leben nicht zu erwarten,
aber auch als stoisches Das hier reicht doch eigentlich.
Insgesamt
Der Text bewegt sich zwischen Depression und Lebensbejahung, ohne eine der beiden Seiten gewinnen zu lassen. Er sagt nicht: Das Leben ist schön. Aber auch nicht: Das Leben ist unerträglich.
Eher:
Das Leben ist unerträglich, also mache ich weiter. Ich mache weiter, ohne genau zu wissen warum. Und vielleicht ist genau dieses Weitermachen schon ziemlich viel.
Formal passt dazu die Mischung aus Prosagedicht, innerem Monolog, Selbstgespräch und Mini-Satire. Die großen existentiellen Behauptungen werden ständig durch Kaffee, Klavier, Liegestütze, Verdauung und Herzfrequenz heruntergebrochen. Das Entscheidende ist dabei: Der Text nimmt seine Figur nicht ganz ernst aber er nimmt ihr Weiterleben sehr ernst.
So 20.09.26 11:04 bewölkt, feucht
Manchmal kommen dir deine Arbeitern wie Phantasieorte vor, die du geschaffen hast, Luftschlösser. Hier ein Stück Prosa, dort ein Gedicht, du reimst und reimst nicht, bist banal und Tonnen schwer leicht und das alles mit größter Sorgfalt und Schlamperei. Das ist ein Leben, das du für kein Geld in der Welt mit einem anderen tauschen würdest.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Ich will hier raus! sagst du..
Du bist noch immer entsetzt.
Du willst dir die Haare ausreißen.
Du überforderst dich.
Du liegst im Bett.
Heute hast du länger geschlafen.
Du wünscht, dass jemand eine Laudatio hält.
Du hast viel von Murakami gelesen.
Du schreibst, weil du das Leben nicht aushältst.
Mo 21.09.26 13:16 wechselnd bewölkt
Es lohnt es sich, alles wegzulegen und in den Himmel zu gucken. Vorwiegend graue Wolken sind unterwegs und verpuppen sich fließend. Das ist ihr Auftrag. Bei dir soll Staunen ausgelöst werden, nicht Langeweile verbreitet. Sie ziehen zielgerichtet und doch nicht in Eile. Du fühlst dich in guter Gesellschaft. Zwar kann dir augenblicklich alles zustoßen, es wird auch zustoßen, vielleicht sogar heute noch, aber das ist nicht zu ändern. Könnte aber auch sein, dass sie jagen wie blöde und dir noch immer nichts zugestoßen ist. Der Wind bläst ihnen in jedes Loch. Das gefällt ihnen nicht. Sie ähneln dir. Wenn Stress kommt, wehrst du dich, aber es hilft nicht, der Wind ist überall. Er mahnt die Wolken über dir zur Eilse. Soziale Medien können sehr unterhaltsam sein, der Himmel aber ist Kunst. So wie Jaume Plensa Kunst ist, den die Frau und du im Wald von Tony Cragg in Wuppertal entdeckt habt, auf dem Bahnhofsvorplatz von Leeuwarden wieder traft und am MIttwoch in Duisburg besuchen werdet.
Du hast keine Lust.
Du weißt, was du bist.
Du glaubst, du hättest Glück gehabt.
Damit könntest du eventuell arbeiten.
Du staunst.
Man muss etwas tun.
Ein unbestimmter Geruch von Zwecklosigkeit ist über dich gekommen.
Ich will hier raus! sagst du..
Du bist noch immer entsetzt.
Du willst dir die Haare ausreißen.
Du überforderst dich.
Du liegst im Bett.
Heute hast du länger geschlafen.
Du wünscht, dass jemand eine Laudatio hält.
Du hast viel von Murakami gelesen.
Du schreibst, weil du das Leben nicht aushältst.
Bei dir soll Staunen ausgelöst werden, nicht Langeweile.
Di 22.09.26 20:58 ruhiger FrühherbstDu bist unmöglich,.
Du suchst.
Du siehst, wo du hinkommst mit deinem ewigen MItleid.
Abhängigkeit deformiert. Du musst unabhängig werden. Von dir.
Dir geht es bisschen zu gut.
Du leidest, also bist du.
Do 24.09.26 11:33 sonnig, frisch
Gestern mit der Deutschen Bahn in Duisburg, um Jaume Plensa zu sehen. So schön seine Skulpturen auch sind, wenn viele beieinander stehen wirken sie banal und verlieren die Kraft, die sie als Solitäre auf großen Plätzen dieser Welt ausstrahlen. Die Rückfahrt von Duisburg war Chaos. Wir haben von A (Küppersmühle) bis B (Nienberge) vier Stunden benötigt. Unser Zug, die RB 42 blieb zwischen Marl Sinsen und Haltern plötzlich stehen, ohne dass irgendeine Information über den Grund verbreitet wurde, dann hieß es, ein vorausfahrender Zug sei liegengeblieben und werde gerade repariert, schließlich ging es nach Haltern, wo verkündet wurde, der RB42 ende hier, man solle in den RE2 umsteigen. Sehr erschöpft, immer noch. Keine Bewegung heute.
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